Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

136 geblichen Gottesmänner sind Mörder und Heuchler! Die ande- ren handeln nicht und Gott ja auch nicht! Wenn es Ihn gäbe, dann könnte Er nicht so niederträchtig sein und mir alle Men- schen, die ich liebe, nehmen.“ Tränen rannen ihm über die Wangen. Unbeholfen wischte er sie mit dem Ärmel ab. „Was habe ich denn gerade gesagt?“, sprach ihn Waldes sanft an. „Unser Wissen ist begrenzt, Noldi. Es mag wenig tröstlich klin- gen, doch ich glaube, dass deine Leiden nicht umsonst waren. Ich weiss nicht, warum du all den Kummer erlitten hast. Gott handelt oft auf Wegen, die uns fremd sind. Woher willst du wissen, wie Gottes Pläne aussehen? Wie wäre es, wenn du dem Herrn noch einmal eine Gelegenheit gibst?“ Noldi spürte, wie es in seinem Innersten anfing zu toben. Wal- des hatte Recht, doch es war ihm unmöglich, etwas daran zu än- dern. Zu fest hatte er sich schon in seine Rachepläne verbissen. Intuitiv wusste er, dass er seine Wut aufgeben musste, wenn er Waldes Weg beschritt. Aber dann ist mein Leben doch sinnlos? Wieso wäre ich dann hier im Kloster gefangen? Nein, sein Zorn war der einzige Strohhalm, an den er sich klammern konnte, der alles erträglicher machte. Waldes sah den Kampf in seinem Schüler und betete inständig, er möge doch die Wahrheit in seinen Worten erkennen. „Pater …“ Noldi sah Waldes flehend an, doch mehr brachte er nicht hervor, nur noch ein klägliches Kopfschütteln. „Ich wünschte mir, du würdest deine eigenen, krampfhaften Pläne aufgeben und Gott das Kämpfen überlassen“, sagte Waldes betrübt. „Doch du triffst deine Entscheidungen selber, mein Sohn.“ Es war das erste Mal, dass der Pater ihn so nannte, und Noldi traf es tief, denn er spürte seine Aufrichtigkeit. „Erlaube mir, dass ich dir trotzdem meine Lehren weiter ver- mitteln darf. Solange du ihnen nicht folgen willst, lerne von dem, was du greifen und annehmen kannst“, riet Waldes ihm.

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