Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
87 Tritt um Tritt ging es die wackelige Strickleiter hinab. „Nur nicht nach unten schauen, Anneli! Wir haben es gleich geschafft“, ermutigte sie Noldi. Er stellte sich an das Ende der Leiter und beschwerte sie, damit Anneli ohne zu wanken den Boden erreichen konnte. Die Kinder liefen hastig an der Klostermauer entlang – der Frei- heit entgegen. In unmittelbarer Nähe waren schon die Umrisse von Knaben und jungen Männern in Bauernkleidern zu erkennen. Einige hielten Fackeln in der Hand. „Da sind sie!“ „Ja, da!“ Beide kletterten den grossen Felsen hinunter, auf dem das Klos- ter wie eine mächtige Festung erbaut worden war. „Los, wir müssen uns beeilen!“ Noldi nahm Annelis Hand und beschleunigte das Tempo. „So spät noch unterwegs? Wohin soll denn die Reise gehen?“, ertönte eine sanfte männliche Stimme. Den Kindern stockte der Atem. Nein, nicht gerade jetzt! Eine stattliche Gestalt in wallender Mönchskutte tauchte vor ihnen auf. „Schnell weg von hier!“ Die Jungen der Knabenschaft machten sich fluchtartig aus dem Staub. Noldi drückte Annelis Hand noch fester, seine Augen schauten nach links und nach rechts. Er wog ab, welche die bessere Fluch- trichtung wäre. „Nun … ähm …“ Noldi versuchte abzulenken. Blitzschnell schossen die Kinder los. Doch der Pater war noch schneller, erwischte die beiden an ihren Oberkleidern und hielt sie mit eisernem Griff fest. „Lass uns los, du Teufel!“, rief Noldi. „Wir wollen nicht länger in einem Mörderhaus bleiben, wo man kleine Kindlein tötet.“ Ekel schwang in Annelis Stimme mit. „… uns anlügt …“ – „… und furchtbar nackte Sachen macht.“
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