Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
88 „Ihr redet sehr unweise. Es könnte doch sein, dass ich euer Feind bin. Würde dann mit euch nicht dasselbe geschehen wie das, was ihr eben erzählt habt?“, fragte der Pater. „Schaut mich an! Kennen wir uns nicht?“ Beide Kinder wandten sich dem Mönch zu. Noldi musterte sein Gesicht. Den hab ich schon mal gesehen, aber wo nur? „Du bist der Mann vom See!“ „Ja, mein Sohn. Aber seh ich wirklich aus wie ein Teufel? So, wie du mich damals genannt hast?“ Noldi blickte beschämt zu Boden. „Hört zu ihr beiden!“ Pater Waldes neigte sich zu den Kindern, um ihnen unmittelbar in die Augen blicken zu können. „Ob ihr es fassen könnt oder nicht, aber ich bin euer Freund und leide selber seit langer Zeit unter diesen Dingen, die sich hier im Kloster ereignen.“ „Warum bist du dann nicht schon lange abgehauen?“, fragte An- neli verwundert. „Und warum hast du dieses Teufelshaus nicht schon längst nie- dergebrannt?“ Der Vorwurf stand in Noldis Augen geschrieben. „Weil es unweise wäre. Wegrennen ist niemals eine Lösung. Ich kenne doch dein Schicksal, Noldi! Wenn ich weglaufen würde, würde mit mir und meinem Haus dasselbe passieren wie mit deinem, wenn du weglaufen würdest.“ Der Pater legte seine Hand aufs Herz und fuhr fort: „Hinter diesen Klostermauern wurden Hunderte von Neugeborenen getötet, die es nicht geben durfte.“ Er schüttelte traurig mit dem Kopf. „Nicht nur das. Seit der Einführung der Inquisition durch Papst Gregor IX. klebt viel Blut an den Händen dieser Menschen. Und nachdem Papst Innozenz IV. die Folter genehmigte, wurden be- sonders Frauen aus reichen Häusern als Hexen verbrannt, um sich ihr Hab und Gut zu Eigen zu machen.“
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